5. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr A

 

Jes 58, 7 - 10 1 Kor 2, 1 - 5 Mt 5, 13 - 16

 

Sie kennen den Prozeß ziemlich genau, den man Jesus machte. - Ist jemandem bekannt, daß Christus einmal das Angebot gemacht bekam, gegen Kaution freigelassen zu werden? - Nicht nur einmal! Einmal zum Beispiel heute vor genau 25 Jahren. "Ihr seid das Licht der Welt." (Mt 5, 14) So hörten wir eben als Fortsetzung der Seligpreisungen vom vergangenen Sonntag. - Darf ich in Erinnerung rufen, daß wir an einem anderen Sonntag vorgelesen bekommen: "Ich bin das Licht der Welt." (Joh 8, 12) Wer denn nun? Wer ist denn nun das Licht der Welt? Ist unser Herr, Christus, das Licht der Welt, oder sind es die Christen? - Oder wie?

"Ihr seid das Salz der Erde." (Mt 5, 13) So hörten wir eben zuerst. Es ist leicht vorstellbar, daß Jesus auch einmal gesagt haben kann: "Ich bin das Salz der Erde." - Wir wollen also als Christen erstens informiert sein, wer denn nun das Salz ist. Wer denn nun das Licht ist. - Christus oder wir? Oder wie?

Zweitens haben wir die Frage, warum es nicht heißt: "Ihr sollt das Salz sein!", sondern - indikativisch - "Ihr seid das Salz!" - Warum heißt es so wohlklingend: "Ihr seid das Licht!"? - Wir dürfen vielleicht schon richtig interpretierend mithören: "Wir sind das Volk!" - Ob es wirklich so positiv gemeint ist, wir sind doch ständig ermahnendes "Ihr sollt sein!" von Kindsbeinen an gewöhnt?

Der nächste Punkt unserer heutigen Überlegungen ist etwas schwieriger: Ohne weiteres Nachdenken verstehen wir, daß Christen das Salz genannt werden. Jesus spricht ja nicht zum Volk allgemein, sondern zu seinen Jüngern. Nun können Christen aber ihr Christsein leugnen. Jeder von uns kann vom Glauben zum Unglauben wechseln. Sogar ein Wechsel zum Aberglauben ist möglich, wenn der auch nun schon gar nicht zu empfehlen ist, da er Unglück bringt ....

Drittens also: Wie wird der Satz "Ihr seid das Salz der Erde" weitergeführt, wenn wir uns verweigern? Wenn wir unser Christsein irgendwo liegenlassen? Was heißt: "wenn das Salz nicht mehr salzt"?

Der vierte Punkt ist zugegebenermaßen nun noch etwas schwieriger - Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob es heißt: "Salz der Erde" - so lautet die richtige Übersetzung - oder ob es heißt: "Salz für die Erde". Sie können jetzt in Ruhe alle vier Fragen vergessen. Es genügt, wenn die Antworten Ihnen guttun.

Mir sind zwei Dinge bekannt, die meines Erachtens unmöglich sind. Das eine ist, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein. - Und das zweite ist: Christ zu sein, ohne verstanden zu haben, daß im Christentum gilt:

Bote gleich Botschaft.
Die Botschaft Jesu lautet, daß Gott völlig bedingungslos jeden Menschen jederzeit über jedes irdische Maß hinaus liebt. Nur das "über jedes irdische Maß hinaus" - ist das spezifisch Christliche. Die Alternative zu diesem "bedingungslos unendlich" oder "grenzenlos und ohne Vorbedingung", die Alternative dazu ist Gegenstand in jeder (anderen) Religion: Gott liebt uns, wenn wir seiner Schöpfung entsprechen, er zieht seine Liebe zurück, wenn wir nicht gut zueinander sind.

Das ist die einzige Botschaft, die Jesus brachte: Auf Gott ist auch dann restlos Verlaß, wenn wir total versagt haben. An uns liegt es nur, die grenzenlose Verzeihung wieder in Anspruch zu nehmen. In des Wortes strengster Bedeutung verzeiht Gott nie, da er die Voraussetzung für das Wiedergeben der restlosen Liebe nie erbringt, er zieht sie nämlich, anders als wir, bei Ungezogenheiten jedweder Art gar nicht erst ab. Gott reagiert nicht auf unser Versagen. Er liebt uns immer, ohne Maß an uns zu nehmen.

Wenn man unbedingt noch etwas angeben möchte, das Jesus getan hat, dann dies: Er hat auch den "Verstehenshintergrund" geliefert, ohne den man die einfachen Worte: "Gott liebt alle Menschen unendlich" überhaupt nicht verstehen kann. Wer sich nämlich Gott und seine Schöpfung als zwei Gegenüber vorstellt, so wie z.B. einen Produzenten und sein Produkt, der kann Jesu Predigt, daß Gott nicht reagiert auf unser Fehlverhalten, nur als Unsinn abtun. Jesus sagt, daß Gott kein Gegenüber der Welt ist. Jesus sagt, daß das Gesetz, nach dem auf jede Aktion eine Reaktion folgt, hier gar nicht "greift". Wir sind gezeugt und geboren in die Liebe Gottes zu Gott hinein, in die Liebe des Vaters zum Sohn. Wir leben mitten in diesem Heiligen Geist. Jesus sagt: Wer unbedingt noch Gegenüber sucht, der findet sie hier in Gottvater, der nichts tut als zu lieben, und Gott in der zweiten Person, Christus, der auf diese grenzenlose göttliche Liebe grenzenlos göttlich reagiert. Und in dieser Aktion und Reaktion sind wir mitten drin.

Lassen Sie sich von niemandem beirren. Die Wunder, die Jesus tat, sind nur dann recht verstanden, wenn sie interpretiert werden als das Sagen dieser Wahrheit: "Wir leben seit unserer Zeugung und Geburt mitten in der grenzenlosen Liebe Gottes und sind darin unüberbietbar geborgen." Das ist das Wunder. In keiner einzigen christlichen Kirche gibt es einen zweiten Glaubensgegenstand.
Es ist dies auch die einzige Wahrheit, die wirklich nur geglaubt werden kann, die wirklich alle Angst entmachtet, die wirklich die gesamte Selbstoffenbarung Gottes ist. - Es ist die einzige Wahrheit auf der ganzen Welt, der man sich nur ohne Grund entziehen kann.

Sie ist Gott selbst. - Geben Sie sich nie mit einer "Predigt" zufrieden, die Gott gar nicht enthält! Jesus hatte Petrus erst Minuten vorher zum Papst gemacht, als er ihn schon Satan nannte, weil er Menschenweisheit an die Stelle seiner göttlichen Predigt setzte. Meinen Sie, er nennte Sie anders?!
Diese Botschaft Gottes grenzenloser Liebe ist nun mit der zweiten göttlichen Person, mit Christus also, identisch.

Botschaft = Bote.
Mir ist bewußt, daß dieses Stück Theologie das schwierigste in der gesamten Theologie ist. - Aber andererseits habe ich noch nie erlebt, daß einer wirklich erfassen kann, worum es im Christentum eigentlich geht - was ich davon habe! - wenn er das nicht verstanden hat, daß diese WORTE: "Gott liebt unendlich" PERSON sind. Nicht nur zum Verständnis des heutigen Textes ist es unerläßlich, daß man dieses einzigartige Phänomen verstanden hat, daß Worte Person sind, sondern eben zum Verständnis des Christentums überhaupt. - Wenn ein Mensch zu einem anderen sagt: "Ich liebe Dich!", dann möchte er so verstanden werden, daß er keinerlei Vorbehalte machen möchte. Im Gegenteil, er will sich dem Geliebten ganz und gar anvertrauen und erschließen. Alle Pläne und Wünsche, Sehnsüchte und auch Schwächen sollen offen zu Tage liegen. Wer sagt, daß er aufrichtig liebt, der ist bereit, den ersten Schritt zu tun und somit verletzlich zu werden und zu bleiben. Liebe will Ganzheit und ist halb gar nicht zu denken. Wer sagt: "Ich liebe Dich!", der möchte gar nichts anderes mehr als lieben. Der möchte nur noch Liebe für den anderen sein, die durch nichts getrübt ist. Der wirklich Liebende möchte am liebsten in dieses sein Wort hineinschlüpfen, nichts mehr als Liebe sein. Er möchte dieses sein Wort sein, er will nichts dringender, als Liebe zu sein, der Geist dieses Wortes.

Er möchte sein eigenes Wort sein. - Das kann der Mensch nicht. Aus seiner Begrenztheit folgt, daß er dieses sein noch so ernst gemeintes Wort nicht sein kann. Er bedarf darüber hinaus der Kleidung, der Speisen und Getränke, des Atems und der Hygiene usw. - Der Mensch kann sein Wort der Liebe nicht ganz und gar sein; er bedarf vor allem selber der Liebe.

Nun kann Gott im Gegensatz zum Menschen gar nicht anders gedacht werden als unbegrenzt. Wenn Gott sagt, daß er grenzenlos liebt, dann ist er selbst dieses Wort. Gott kommt im mitmenschlichen Wort, das diese unbedingte Liebe sagt, selber in Raum und Zeit zur Erscheinung. Gott ist nun aber nicht auf dieses Wort, das gesagt wird oder auch ungesagt bleibt, beschränkt. Seine Anwesenheit ist unbegrenzt und nicht vom Sagen abhängig. Gott ist keine Marionette unserer Sprache.

Aber wenn wir sein Wort sagen, wo immer das Evangelium gehört wird, kommt Gott ganz und gar leibhaftig, in Raum und Zeit nämlich, zur Erscheinung. Die Botschaft, daß Gott grenzenlos liebt, ist Gott selbst. Genau: Christus, die zweite göttliche Person, die Jesus von Nazaret erstmals sagte. - Der Mensch macht Worte, Gott ist das Wort.

Jesus und Christus dürfen also niemals verwechselt werden. Weder dürfen die Gottheit und die Menschheit miteinander vermischt noch voneinander getrennt werden. Vielmehr wollen wir sauber unterscheiden und so beide in der rechten Beziehung zueinander sehen: Die Gottheit Jesu wirklich als Gottheit und die Menschheit Christi wirklich als Menschheit.

Das Wachs einer Kerze vermischen wir auch nicht im Mixer mit dem Docht. Wir hüten uns auch, den Docht herauszuziehen und vom Wachs getrennt an ganz anderem Ort aufzubewahren. In beiden Fällen wäre die Kerze zerstört. - Nur wenn wir Docht und Wachs voneinander unterscheiden, können wir die Kerze anzünden. Nur wenn wir beides zusammenhalten, aber voneinander unterscheiden, sehen wir beides in der rechten Beziehung zueinander und die Kerze bald leuchten.

Gott wird nicht nur zu Weihnachten Mensch. Sein Wunsch, Mensch zu werden, geht immer dann in Erfüllung, wenn Er gesagt wird. Immer wenn bei einem Menschen das Wort ankommt, daß er über jedes irdische Maß hinaus trotz seiner Fehler geliebt ist, erkennt dieser Hörer, ein anderer Christus zu sein.

Im Hören des wirklichen Wortes Gottes empfängt der Hörer Kenntnis seiner wahren Identität. Er war zwar schon vor dem Hören Christi ein anderer Christus, aber ohne jede Kenntnis und ohne die Möglichkeit, dies in Anspruch nehmen zu können. - Da es ein und derselbe Heilige Geist ist, der in Jesus und jedem anderen Menschen lebt, gibt es Christus als Christus Jesus, als Christus Sabine, als Christus Peter usw.

Da Gott nicht wird, sondern ist, ist Christus Annette Salz der Erde. Christus Markus ist das Licht der Welt, wie Christus Jesus es war. Das war die Antwort auf unsere erste Frage.

Da Gott die Welt in seine Liebe zu seinem Sohn hineinschafft, das hängt nicht von uns ab, sind wir ein jeder für sich ein je anderer "alter Christus", wir sollen es nicht sein, wir sollen es nicht werden. - Wir können uns verweigern, wir können es unbegründet ablehnen, ein je anderer Christus zu sein. Aber unsere Identität ändern wir dadurch genau so wenig, wie ein Schlittschuh zum Baumkuchen wird, bloß weil wir ihn ab sofort so bezeichnen.

Es handelt sich um ein Dürfen und Können. Niemand muß oder soll ein anderer Christus sein. Wir dürfen es dankbar annehmen. Und sind schlecht beraten, wenn wir uns verweigern. Die Worte "sollen" und "müssen" sind im Christentum nur dazu da, daß gesagt wird, sie haben keinerlei Bedeutung.

Das war die zweite Antwort. - Kommen wir zur dritten: Wir Christen können unser Christsein leugnen. Jeder von uns kann vom Glauben zum Unglauben wechseln. In den Augen Gottes sind wir dann tot. Nicht der Totenschein der Ärzte interessiert Gott. Bei ihm ist die Sünde die Totstellung des Menschen. - Der Satz "Ihr seid das Salz der Erde" wird also im theologischen Sinn so weitergeführt: "Wenn das Salz nicht mehr salzt, taugt es zu nichts mehr." - Wir sind das Salz, oder wir sind nicht. Wir sind das Licht der Welt, oder wir sind in den Augen dessen, auf den es ankommt, tot. Ein Christ, der das Evangelium nicht weitersagt, ist absurd.

Der vierte Punkt

Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob es heißt: "Salz der Erde", oder ob es heißt: "Salz für die Erde". - Der Schüler der Klasse ist Mitglied der Klasse, er ist in der Klasse. Der Schüler für die Klasse ist der Neue. Er kommt gerade erst und zwar von außen. - Wir sind das Salz der Erde, weil die Menschwerdung Gottes nicht in der Zukunft liegt. Sie ist geschehen und geschieht. - Wir sind das Licht der Welt, da Gott nicht außerhalb der Welt in einem Jenseits lebt, sondern in der Welt, in uns. - Nicht im Sinn des Pantheismus, sondern die Welt ist in Gott, in der Liebe Gottes, des Vaters, zum Sohn. Aber dieser Heilige Geist durchdringt uns. Glauben heißt gern von Ihm erfüllt sein.

Licht hat eine Quelle, Dunkelheit nicht. Die Quelle Christi ist der Vater. Die Mündung, wenn der Sprung von Licht über Quelle zum Fluß erlaubt ist, die Mündung ist unser Nachbar, der das Evangelium noch nicht kennt. - Daß die Finsternis keine Quelle hat, entspricht der Tatsache, daß sie im Himmelreich kein Stimmrecht hat. Eine Schülerin behauptete gar: "Es gibt keine Finsternis!" Richtig, eine Dunkelheit, die wirklich finster ist, die wirklich gegen das Evangelium, gegen Christus, ankommt, gibt es nicht. "Da Gott in dunkler Nacht erschienen, kann unsere Nacht nicht finster sein!" heißt es in einem Weihnachtslied.

Salz essen Sie nicht Löffel für Löffel. Das Sein des Salzes ist vielmehr die Wirkung, die es ausübt. Sie essen nicht Salz allein, Sie geben vielmehr mit Salz Spannung in die Speisen, die unseren Geschmack nicht gleichgültig läßt: nicht lau schmecken läßt und fad. Sie essen Salz nicht so allein, aber sie erhalten Fisch und Fleisch damit. Christus, das Salz der Welt, ist für sich allein völlig unnütz, Christus allein schmeckt nicht. Lassen Sie ihn aber herein, finden Sie Geschmack am Leben. Lassen Sie ihn gern an sich heran, er wird Sie erhalten.

"So laßt euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen." "Salzlos sein" heißt im Semitischen soviel wie "geistlos sein, dumm daherreden". - Geist-voll reden ist gemeint, wenn Jesus sagt, daß wir das Licht leuchten lassen. Des Heiligen Geistes voll sagen wir den Menschen, wer sie wirklich sind: Unüberbietbar Geliebte. Dieses Sagen ist das gute Werk schlechthin, das einzige, das den Menschen wirklich erschließt, wer Gott wirklich ist. Anders können wir ihn nicht preisen.

1965 wurden im US-Bundesstaat Alabama 2600 Gegner der Rassentrennung bei Demonstrationen verhaftet. Unter ihnen der Friedensnobelpreisträger aus dem Vorjahr 1964: Martin Luther King. Er verzichtete darauf, gegen Kaution entlassen zu werden, um die Weltöffentlichkeit auf den Befreiungskampf der US-amerikanischen Schwarzen und anderer Minderheiten aufmerksam zu machen. Er hatte seit längerem schon bei jeder Demonstration die Zahnbürste dabei ....
Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes (Vgl. Röm 8, 39).
Amen.
A: Das Weitere findet sich!